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Karl Kriebel

Karl Kriebel beschäftigt sich mit den Moeglichkeiten von Raum und seinen wechselseitigen Wirkungsweisen. Dabei greift er konventionelle graphische und architektonische Zeichen auf, entnimmt sie ihrer Umgebung und stellt sie in einen offenen kuenstlerischen Kontext: als Bild, als Objekt, als Raumkoerper, als Bauwerk.

Seine Arbeiten sind einerseits dekonstruktiv, andererseits schaffen sie abstrakt konstruktive bis illusionäre Räume.

Im Arbeitsprozess ergibt eine Linie die nächste, eine Fläche fordert die andere oder das Weg- bzw. Übermalen. Loslassen, Aufbauen, Zerstören – das Entstehen ist stets ein Grenzgang.

Fenster, die eigentlich keine sind

von Florian Steininger, Journalist/Kurator

Karl Kriebels Bilder sind Interfaces, Schnittstellen von klar festgelegten formalen und inhaltlichen Positionen. Das Prinzip des Sowohl-als-Auch widerspiegelt sich in malerischen Fenstermetaphern konstruktiver Ordnung.

Behutsam streicht der Maler mit breiten Pinseln die dünnflüssige Acrylfarbe über das aufgespannte Gewebe. Das ansonsten eher aggressiv und künstlich wirkende Acrylmittel verläuft sich vornehm im Hintergrund, wird aufgesogen von der Leinwand. Dünne, durchschimmernde, koloristische Schichten überlagern sich, wobei das farbliche Spektrum von sensiblem gebrochenen Weiß über Grau bis zu zarten Blau- und Orangetönen reicht. Eine faktische Ortung der einzelnen, leicht schillernden Farbanlagen ist kaum auszumachen. Mittels der koloristischen Konsistenz der Malmaterie wird immaterielle Luminosität erzielt. Das Bild entledigt sich scheinbar seines realen Körpers, seines Gewichts, und generiert Athmosphäre und räumliches Empfinden.

Durch grafisch geometrische Markierungen wird diese räumliche Note im Bild verstärkt. Vertikale, horizontale und schräge Farbfeldsegmente bilden spatiale Bereiche, die ein wenig an Fensteröffnungen oder Wandnischen erinnern. Tiefe wird suggeriert, die primäre Funktion eines klassischen Gemäldes scheint aufgenommen und zitiert: das Bild als Fenster mit Aussicht auf eine vom Maler geschaffene Wirklichkeit, geschaffen im Dienste des Faktischen. Von den in Farbflecken malenden Impressionisten über die grafisch flächigen ornamentalen Symbolisten und die abstrakten Konstruktivisten bis hin zu monochromen und neo-geometrischen Positionen und zahlreichen abstrakten Strömungen - sie alle stehen dem Primat der auf räumlichen Illusionismus beruhenden klassischen Malstrategie diametral entgegen. Vorrang für jene Protagonisten hat die tatsächliche Zweidimensionalität des Tafelbildes.

Kriebel bedient sich des Planen, um dem räumlich Fiktiven auszuweichen. Dennoch widersetzt sich der Künstler einer eindeutigen Richtung, indem er die Wirklichkeit miteinbezieht, ohne von ihr im Detail auszugehen und sie in klassischer Manier abstrahierend in Malerei umzusetzen. Ihm geht es vielmehr um ein Praktizieren von Malerei selbst, im Spannungsfeld zwischen Motivischem in der Andeutung und Assoziativem einerseits und dem Selbstreferenziellen andererseits. Abseits der Frage von Figuration oder Abstraktion steht Kriebels jüngste Bildwelt zwischem freiem Malprozess und grafischer Konstruktion in der formalen Bildanlage.
(siehe: Karl Kriebel, AUSBLICKEN, Werkdokumentation 01, 2002)