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Verwandlung des Informel

Jascha, Toman und Rainer in Wiener Galerien

(Kristian Sotriffer, Die Presse, 19. September 1986)

Die neuerdings vor allem von jüngeren, aber auch von jenen wieder aufgenommenen informellen Ansätze, die deren Verfall in den sechziger Jahren miterlebt und sich gegenläufigen Entwicklungen angeschlossen hatten, führt – wie derzeit in der Secession beobachtet werden kann – zu neuen, aber auch vertrauten Entwicklungen.

Einer vom Jahrgang 1923, der dem Krieg die größten Opfer bringen mußte, während die Überlebenden ein gewichtiges schöpferisches Potential zu stellen wußten (vor allem auch in Österreich), zählt zu jenen, die an der Ausstellung "Zeichen und Gesten" nicht partizipieren. Das ist der Wiener M. Emil Toman, einer von denen, die noch bei Andersen studierten und am legendären Abendakt bei Boeckl teilgenommen haben. "Unbewußt und unbeeinflußt", liest man im Katalog, habe er in den fünfziger Jahren frühe informelle Bilder gemalt, die damals aber niemand gesehen zu haben scheint. Jetzt tritt er in der Blau Gelben Galerie in der Herrengasse mit Arbeiten auf, die "ein ganzheitliches, kosmisches Erleben ins Bild" zu zwingen suchen. "Entstehung – Vorläufigkeit – Bewegung" ist ihr Thema.

Die Machart dieser Tafeln wirkt so ungestüm und erregt wie jene, die den Übergang des österreichischen Informel zum Aktionistischen bezeugen. Ihre Verwandtschaft zu den dynamischen prozeßhaften Vorgangsweisen der "klassischen" Informellen ist jedenfalls größer als der Bezug zu dem, was die jüngeren aus der Farbmasse heraus in eher sanft bewegte Felder einzubeziehen suchen. (Bis 25. September.)

In der Secession dabei sind Johann Jascha und (natürlich) Arnulf Rainer. Dem einen gilt ein Überblick der Galerie Contact auf Zyklen, die zwischen 1983 und 1986 in Ceylon, Rauris, Rom und Tropea entstanden sind. Vom anderen zeigt die Galerie H. S. Steinek Beispiele von Photoübermalungen, die 1974 anläßlich eines "Berlin Konzerts" mit Attersee, Brus, Nitsch, Roth, Rühm, Steiger und Wiener entstanden sind.

In einer anläßlich der Ausstellung vorgelegten Publikation von Zeichnungen Jaschas findet sich als biographischer Vermerk: "Zu viele Ausstellungen, zu viele Preise, zu viele Arbeiten." Nichts davon stimmt. Jascha wird nach wie vor unter seinem wahren Wert gehandelt, von Preisen wurde er nicht verwöhnt. Und zu viele Arbeiten jener Qualität, wie er sie in den letzten Jahren entwickelte, kann es gar nicht geben.

Vor verschiedenen strukturierten, verwischten, flockigen Gründen oder zart gewobenen Geflechten verfährt Jascha auf zweierlei Art: Ein durch Geraden, Winkel, scharfe Formen akzentuiertes Gerüst geometrischer Formen wird durch expressives Gezacke und Gewirbel energisch durchbrochen. Der Künstler kreuzt gewissermaßen kubistische Ansätze mit informellen Elementen. Variantenreich und assoziationsfreudig abstrahiert er Erlebtes in organisch entwickelten Überlagerungen von Strichströmen und Haltepunkten "rund um das Ei". (Bis 27. September.)

Mit einem eigenen Photographen angereist, wirkte Rainer am "Berliner Konzert" seinerzeit als "körpersprechender Poseur in eigener Sache" mit. Ein wild-groteskes Unternehmen voller vitaler, leidenschaftlicher Spiellust hat er dann auf seine Art markiert, betont, umrahmt, begleitet, ergänzt, facettiert und retuschiert. Die Ausdruckskraft der Photosequenzen wird noch einmal dynamisiert und verdichtet, Aktionslust anläßlich dieser "aus dem finsteren Todesbrunnen der Seele" schöpfenden "Deliriumsmusik" (Brus) gesteigert. Unverkennbar die Wiederaufnahme und Fortsetzung informeller Prinzipien und Praktiken auf einer neu hinzugewonnenen Basis: des Bewegung und Turbulenz festhaltenden Augenblicks. (Bis. 10. Oktober.)


Vibrationen der Seele

Zur Ausstellung eines "Großen Unbekannten"

(Gabriele Kala, Die Kronen Zeitung, 12. September 1986)

Blau-Gelbe Galerie der NÖ Kulturabteilung, Wien I, Herrengasse 21; bis 25. September. Fasziniert von der Stärke der Bilder und beschämt vom eigenen Nicht-Kennen der Künstlerpersönlichkeit Emil Toman steht der Betrachter vor einem gemalten Lebenswerk seltener Konsequenz.

Von der Natur ausgehend, gelangte Emil Toman zu einer expressiven Abstraktion voll Spiritualität. Es ist dies ein Ansatz mit österreichischer Tradition, wie auch Hollegha und Weiler beweisen, ein und derselbe Ansatz, der doch jedem größte Freiheit und individuelle Entfaltungsmöglichkeit bietet.

In Tomans Bildern überträgt sich Rhythmus in Struktur, Licht in Farbe; Licht bedeutet hier jedoch nicht bloß Naturphänomen, sondern inneres Leuchten. Tomans "Farb-Rhythmus-Licht"-Kompositionen lassen Kandinskys Aussage "Über das Geistige in der Kunst" verspüren: "Die Farbe ist ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele auszuüben.... Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste die Seele in Vibration bringt."

Dem 63jährigen, in Brunn am Gebirge wohnenden Maler, der über 20 Jahre lang an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt unterrichtet, ist für dieses besondere Ausstellungserlebnis zu danken.


Abstraktionen in dunkel leuchtenden Farben

Positiv zu wertende Kollektive Emil Tomans im Griechenbeisl

(Kunstkritiker Peter Baum, OÖ Nachrichten, 16. April 1965)

Kontemplative Abstraktionen in Mischtechnik, Kreide-Pastell- und Kohlemanier zeigt Emil Toman in seiner ersten repräsentativen Einzelausstellung in der Galerie im Griechenbeisl.

Die ansprechend gehängte und eindrucksvoll ausgewählte Kollektion des 1923 geborenen Wieners, der seit 1959 an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt unterrichtet, konfrontiert durchwegs mit formal klar überlegten, geschlossen wirkenden Bildern. Tomans flächenhaft-meditative Abstraktionen in dunklen, geheimnisvoll leuchtenden Farben kehren im Prinzip ein klares, einfaches Gestaltungsbestreben hervor, das man in ähnlicher Art und Weise etwa von den Bildern des Amerikaners Marc Rothko, des Deutschen Lothar Quinte oder des Österreichers Arnulf Rainer her kennt.

Die weise Selbstbeschränkung, die die einfache Konzeption verrät, erfährt allerdings in dem trotz aller formalen Kraft und Spannungsgeladenheit sehr sensibel anmutenden Kolorit adäquate Ergänzung. Die besten Blätter, wie beispielsweise die ganz besonders hervorragende Katalognummer 17, präsentieren sich als überzeugende, kraftvolle-lebendige Beispiele einer zum Nachdenken anregenden Malerei, die - obwohl sie nicht für den Sakralraum bestimmt ist - ausgesprochen feierlich und zur Besinnung einladend in Erscheinung tritt.

Sollte es Toman zukünftig gelingen, von gelegentlich auftretenden farbigen Übersteigerungen loszukommen und auch in formaler Hinsicht noch mehr zu sich selbst zu finden, dann kann bestimmt damit gerechnet werden, dass dieser ohnedies schon sehr positiv zu wertenden ersten Einzelausstellung des Künstlers, für dessen Entdeckung der Galerie zu danken ist, auch noch weitere, bedeutendere folgen werden.